Monografien

Tote Zonen: Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront, Hamburg 1999

Die Texte kombinieren die objektive und Subjektive Wahrnehmung des Vernichtungskrieges und verschränken die asynchronen Zeitebenen von Ereignis und Erinnerung. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein besonderer Krieg, deutlich unterschieden von den Überfällen im Westen und im Norden Europas. Hitler definierte ihn als “Kampf zweier Weltanschauungen” und verlangte von seinen Generälen, ihn als Vernichtungskrieg zu führen. Das Ergebnis war der millionenfache Mord an Kriegsgefangenen, Juden und anderen Zivilisten. Viele Soldaten der Wehrmacht teilten die rassistische Weltsicht und identifizierten sich mit den Eroberungszielen im Osten. Aber sie waren keine Massenmörder. Dazu wurden sie erst unter den Bedingungen des Vernichtungskrieges. Indem sie den Rotarmisten zur “Bestie” erklärten und den Juden in einen “Partisanen” verwandelten, gelang es ihnen, das Kriegsverbrechen als angemessene Reaktion und den Völkermord als militärische Notwendigkeit zu legitimieren.
Nach dem Scheitern des Blitzkrieges und unter dem Eindruck des permanenten Rückzugs wurde das eigene Tun als “Pflicht” gedeutet und zur Tugend veredelt. Dieses Selbstbild wurde zum Kern der Legende der “sauberen Wehrmacht”, die nach 1945 die öffentliche Diskussion bestimmte und in den Zeiten des Kalten Krieges zum offiziellen Geschichtsbild wurde. In ihrem Schutz konnten die ehemaligen Soldaten ihre virulenten Alpträume und die aufkommenden Schuldgefühle unterdrücken oder vergessen. Die Ausstellung “Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944″ hat mit der Zerstörung der Legende auch diesen Selbstschutz zum Einsturz gebracht.
Hannes Heer analysiert in seinen Aufsätzen den Judenmord und den Partisanenkrieg im Osten und reagiert auf die Frage, wie es möglich war, daß Soldaten der Wehrmacht zu Massenmördern wurden und wie sie ihr Tun legitimierten. Schließlich setzt er sich mit der Erinnerung der Kriegsgeneration auseinander, als Mikroanalyse ihres Narrativs oder als Deutung ihres Erinnern im Kontext des durch die Ausstellung ausgelösten öffentlichen Diskurses.

Vom Verschwinden der Täter

Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei, Berlin 2004

„Als Fazit bleibt die Erkenntnis, dass es bestimmten Meinungsführern in Deutschland immer wieder gelungen ist, die Täter aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein und aus den Gerichtssälen verschwinden zu lassen. Aber wie man sieht, gibt es noch die Stimmen der unbeirrten Aufklärer.“
- Die Zeit

„Verschwunden seien die Täter aus der zweiten, neuen Wehrmachtsausstellung, so lautet der bekannte und provozierende Vorwurf Heers. Aber Heer versucht sich glücklicherweise nicht nur als rechthaberischer Nachkarter. Er kann mehr. In mehreren Kapiteln seines Buches zeichnet er exemplarisch eine ‚Tiefenströmung der deutschen Nachkriegsgeschichte’ nach: die meistens bewusste und manchmal unbewusste Arbeit am Mythos von dem Land ohne Täter begann früh.“
– Frankfurter Rundschau

„Sein Buch weist auf eine Serie von schleichenden Verschiebungen im geistigen Klima in Deutschland hin, die den gespenstischen Eindruck eines Zurück in die frühen fünfziger Jahre erwecken.“
– Deutschlandfunk

„Heer ignoriert zu Recht die immer noch allzu häufig verwendeten zeitlichen Eingrenzungen, die nicht mehr leisten als die Kontinuitäten und Traditionslinien auszublenden. Er untersucht die Absichten der Täter sowie die Gegenläufigkeiten und Ungleichzeitigkeiten der Gedächtnisse in der Nachkriegszeit. So entsteht nicht nur ein facettenreiches, sondern vor allem auch ein abgerundetes Bild, denn die Verbrechen sind aus der heutigen Warte ohne die Wege der Erinnerung genauso wenig zu verstehen wie die Nachkriegserinnerung ohne die ihnen vorausgehenden Ereignisse.“
– H-Soz-u-Kult

„Heer ist weder larmoyant, noch selbstgerecht, aber präzise.“
– Deutsche Welle

Inhalt:

1. Kapitel: Vom Verschwinden der Täter
Die bedingungslose Kapitulation der zweiten Wehrmachtsausstellung

2. Kapitel: Verwischen der Spuren. Vernichtung der Erinnerung
Die Wehrmacht als Chronist

3. Kapitel: Mordbereitschaft und Verstummen
Zur Mentalität deutscher Soldaten an der Ostfront

4. Kapitel: Das Schweigen des Hauptmann Jünger
Ernst Jüngers Reise an die Kaukasusfront 1942/43

5. Kapitel: Die Legende von der sauberen Wehrmacht
Böll, Remarque, Bamm

6. Kapitel: „Es trägt sich weiter durch die Generationen”
Krieg und Nazizeit in den Erzählungen der Wehrmachtsausstellung 1995

7. Kapitel: Die Mitschuld der Juden
Bogdan Musials Arbeit am Mythos

8. Kapitel: Brandstifter
Jörg Friedrich als Täterforscher

'Hitler war's'

„Hitler war’s“. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Berlin 2005

„Heer schreibt scharf und elegant; sein Buch ist eine Schatztruhe historischer Fakten und zugleich vollendeter Lesegenuss.“
- Deutschlandradio

„Zu den Meisterstücken dieser kenntnisreichen Studien gehört der Nachweis der Methode, mit der das ZDF (Guido Knopp) unterhalb von Hitler nahezu das gesamte Führungspersonal entlastet.“
– Junge Welt

„Jüngste Veröffentlichungen aus dem Münchener Institut für Zeitgeschichte (Christian Hartmann) über die Geschichte der Wehrmacht bewertet Herr als den Versuch, unter Missachtung des Standes der kritischen Militärgeschichtsforschung ein Rollback in die Fünfzigerjahre anzustreben. Hier fährt Hannes Heer seine ganze Quellenkenntnis auf, um Tatsachen sprechen zu lassen“.
– Zürcher Tagesanzeiger

„In seinem grandiosen Buch seziert Hannes Heer, der durch die erste „Wehrmachtsausstellung“ bekannt gewordene Historiker und Filmregisseur, Kronzeugen einer Geschichtsdarstellung, die den Anschein erweckt, Hitler als jemand darzustellen, der „die Sache“ ganz allein, ohne Hilfe irgendeines Deutschen durchgezogen hat. An den Beispielen des ‚Hitler- und Speerexperten’ Joachim C. Fest, Bernd Eichingers Film ‚Der Untergang’ und den Fernsehserien von Guido Knopp wird gezeigt, wie mit dem Faszinosum ‚Hitler’ Quote gemacht wird und en passant Geschichte umgeschrieben oder erfunden wird – bis zur Fälschung.“
– Süddeutsche Zeitung

„Gleich mit dem Titel schon wird von Hannes Heer die zentrale Lebenslüge ganzer Generationen bloßgestellt, sticht der verdiente Wissenschaftler in das Wespennest des tabuisiertesten, weil beschämendsten Kapitels unserer Nationalgeschichte: des ethischen, politischen und moralischen Aggregatzustandes der Deutschen, oder doch ihrer Mehrheit, unter Hitler. Unerbittlich nimmt sich Hannes Heer diese zum Schrecken Europas und der Welt aus den Schienen ziviler Infrastruktur entgleiste Mehrheit aufs Korn. Das Resümee bestätigt eigene Erfahrungen.“
Die Welt (Ralph Giordano)

Inhalt:

1. Kapitel: Der Untergang
Wie ein Film die Geschichte Nazideutschlands auslöscht und neu erfindet

2. Kapitel: An Hitlers Hof
Joachim Fest. Eine Karriere

3. Kapitel: Gegenrede I
Die Feigen und die Dummen
Dietrich Bonnhöfers Analyse von Nationalsozialismus und Bürgertum

4. Kapitel: Guido Knopp: Hitlers Helfer
Die Rückkehr der Geschichte als Nazi-Clip

5. Kapitel: Gegenrede II
Literatur und Erinnerung
Die Nazizeit als Familiengeheimnis

6. Kapitel: Taten ohne Täter
Das Institut für Zeitgeschichte rettet die Wehrmacht

7. Kapitel: Gegenrede III
Einübung in den Holocaust
Lemberg Juni/Juli 1941

Hannes Heer, Jürgen Kesting, Peter Schmidt:
Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945, Berlin 2008

Die erstmals 2006 in Hamburg gezeigte Wanderausstellung „Verstummte Stimmen“ widmet sich einem kaum untersuchten Kapitel der Nazizeit – der Säuberung der deutschen Opernhäuser. Die aus einem überregionalen und einem jeweils neu recherchierten lokalen Teil bestehende Ausstellung erzählt das Schicksal von 44 prominenten Komponisten, Dirigenten, Regisseuren, Sängerinnen und Sängern, die Opfer der rassistischen Musikpolitik der Nationalsozialisten wurden. Neben prominenten Namen wie Arnold Schönberg, Kurt Weill, Otto Klemperer, Bruno Walter, Gitta Alpár, Delia Reinhardt, Lotte Schöne, Richard Tauber, Joseph Schmidt, Friedrich Schorr werden auch die unbekannten verfolgten Ensemblemitglieder der Berliner Staatsoper Unter den Linden erinnert – die Solisten aus der zweiten Reihe, die Kapellmeister, die Mitglieder von Chor und Orchester, die Arbeiter, Handwerker und Angestellten hinter der Bühne.

Hannes Heer, Jürgen Kesting, Peter Schmidt:
Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945. Der Kampf um das Württembergische Landestheater Stuttgart, Berlin 2008

Hannes Heer, Jürgen Kesting, Peter Schmidt:
Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945. Der Kampf um das Hessische Landestheater Darmstadt,
Berlin 2009

Hannes Heer, Jürgen Kesting, Peter Schmidt:
Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der „Juden“ und „politisch Untragbaren“ aus den Dresdner Theatern 1933 bis 1945,
Berlin 2011

Hannes Heer, Jürgen Kesting, Peter Schmidt:
Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die „Juden“ 1876 bis 1945 ,
Berlin 2012

  • Kommende Vorträge

    15. April 2015, 20 Uhr
    Universität Hamburg, Hauptgebäude, Hörsaal H
    Der Skandal als vorlauter Bote.
    Nazi-Erbschaften am Beispiel der Debatten um die Sonntagsrede und Lebensbeichte von Martin Walser und Günter Grass

    23. April 2015, 19.30 Uhr
    Hamburg, Evangelische Akademie der Nordkirche, Dorothee-Sölle-Haus, Königstraße 54
    Vom Versagen der deutschen Eliten.
    Dietrich Bonhoeffers Analyse von Nationalsozialismus und Bürgertum