Die Wehrmacht beim Völkermord

1939 – 1945

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.):

Katalog zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944″, Hamburg 1996.
Leitung: Hannes Heer
Redaktion: Hannes Heer und Birgit Otte
Gestaltung: Wilfried Gandras

Im März 1995 eröffnete das Hamburger Institut für Sozialforschung die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944″. Der vorliegende Katalog dokumentiert das Verhalten der Truppe in Serbien und der besetzten Sowjetunion.

Das Bild, das sich aus den vielfältigen Materialien ergibt, ist erschreckend und wurde niemals vorher so gezeigt: Die Wehrmacht spielte eine aktive Rolle beim Holocaust, bei der Plünderung der besetzten Gebiete, beim Massenmord an der Zivilbevölkerung und bei der Vernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Der Krieg war kein „normaler” Krieg, sondern wurde als Rassekrieg geplant und geführt. Die Wehrmacht war als Teil der nationalsozialistischen Gesellschaft umfassender und bereitwilliger als bisher angenommen an diesen Verbrechen beteiligt.

Inhalt

Hannes Heer: Einleitung, S. 6 f.

Hannes Heer: Bilderwelt der Nachkriegsjahre, S. 8-19.

Walter Manoschek: Serbien. Partisanenkrieg 1941, S. 20-61

Bernd Boll, Hans Safrian: Die 6. Armee. Unterwegs nach Stalingrad. 1941 bis 1942, S. 62-101

Hannes Heer: Weißrussland. Drei Jahre Besatzung 1941 bis 1944, S. 102-159

Hannes Heer: Verwischen der Spuren. Vernichtung der Erinnerung, S. 160-176

Bernd Boll, Hannes Heer, Walter Manoschek, Christian Reuther, Hans Safrian:
Das Eiserne Kreuz, S. 177-218

Hamburg Institute for Social Research (ed.): Omer Bartov, Bernd Boll, Michael Geyer, Hannes Heer, Walter Manoschek, Jan Philipp Reemtsma, Hans Safrian (texts)

The German Army and Genocide. Crimes Against War Prisoners, Jews, and Other Civilians, 1939-1944, New York 1999

An astonishing visual expos of the German Army’s crimes in World War II. For the better part of fifty years, the powerful German army of World War II has been seen    as an organization of consummate skill and honor, one that had little in common with the criminal policies and ideology of the Nazi regime. Fascinating and unforgettable, The German Army and Genocide explodes that myth. Through newly discovered documents and hundreds of astonishing photographs culled from archives all across Europe, The German Army and Genocide reveals that the nearly twenty million soldiers who passed through the feared Wehrmacht (the German army) were subjected to a massive ideological indoctrination, and that many were involved in widespread crimes against civilians and prisoners of war, acting both on orders by their superiors and–in many instances–on their own initiative. Based on a three-year German exhibit that sparked riots and heated controversy throughout the country, The German Army and Genocide features harrowing photographs taken by the soldiers themselves (often gleeful) of massacres, hangings, and torture; official army documents directing military units to murder Jewish communities; private letters written home, such as one from a young soldier who boasts that his unit had killed 1,000 Jews, adding, “and that was not enough”; and military directives that definitively prove close collaboration between the SS and the regular army throughout the war.

Hannes Heer und Klaus Naumann (Hg.):

Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1995

Nach der Niederlage des Nationalsozialismus haben ehemalige Generäle und Stabsoffiziere eine Legende verbreitet – die Legende von der „sauberen Wehrmacht“. Die Truppe, so hieß es, habe Distanz zu Hitler und dem NS-Regime gehalten, habe mit Anstand und Würde ihre soldatische Pflicht erfüllt und sei über die Greueltaten von Himmlers Einsatzgruppen allenfalls nachträglich informiert worden. Mit dieser Fiktion gelang es Tätern und Mitwissern großer Verbrechen, sich schuldlos zu sprechen. Die deutsche Militärgeschichtsschreibung hat die Unhaltbarkeit dieser Legende zwar nachgewiesen, weigert sich aber einzugestehen, daß die Wehrmacht an allen Verbrechen des NS-Systems aktiv und als Gesamtorganisation beteiligt war. Der vorliegende Band ist ein – längst überfalliger – Versuch, diesen Beweis zu führen.

Er dokumentiert die Komplizenschaft der Militärs an drei Großverbrechen: an der Vernichtung der Juden, am Massenmord der Kriegsgefangenen und am Terror der Zivilbevölkerung. Diese Verbrechen, die außerhalb des Völkerrechts und jenseits aller Regeln der Kriegführung verübt wurden, bestimmten vor allem den Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion. Aber sie fanden in derselben Intensität auch an anderen Fronten statt: auf dem Balkan oder in Italien. Denn dieser Krieg, das ist die These des Bandes, folgte einer eigenen Logik. Die seit Clausewitz immer wieder gestellte Frage nach dem Primat der Politik in der Kriegführung greift nicht mehr – im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sind politische Ziele und Kriegsziele ununterscheidbar geworden.

Nach 1945 kehrten Tausende Täter und Hunderttausende Mitwisser zurück. Sie nahmen ihre Plätze in der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein und verschwiegen wortreich, was geschehen war. Wie gering in den folgenden Jahren das Interesse an Aufklärung und Strafverfolgung war, welche verhüllenden Nebelschwaden in Illustrierten und Literatur erzeugt wurden und wie bereitwillig sich die militärgeschichtliche Forschung der fünfziger und sechziger Jahre der bequemen Konvention anschloß, thematisieren weitere Aufsätze dieses Bandes.

Hannes Heer and Klaus Naumann (eds.):

War of extermination. The German Military in Word War II, 1941-1944,  New York, Oxford 2000

Among the many myths about the relationship of Nazism to the mass of the German population, few proved more powerful in postwar West Germany than the notion that the Wehrmacht had not been involved in the crimes of the Third Reich. Former generals were particularly effective in spreading, through memoirs and speeches, the legend that millions of German soldiers had fought an honest and “clean” war and that mass murder, especially in the East, was entirely the work of Himmler’s SS. This volume contains the most important contributions by distinguished historians who have thoroughly demolished this Wehrmacht myth. The picture that emerges from this collection is a depressing one and raises many questions about why “ordinary men” got involved as perpetrators and bystanders in an unprecedented program of extermination of “racially inferior” men, women, and children in Eastern Europe and the Soviet Union during the Second World War. Those who have seen these terrible photos of mass executions and other atrocities, currently on show in an exhibition in Germany and soon to be in the United States, will find this volume most enlightening.

Hannes Heer (Hg.):

“Stets zu erschießen sind Frauen, die in der Roten Armee dienen”, Berlin 1997, neu aufgelegt Berlin 2010.

Seit 1943 wurde für Hunderttausende deutscher Soldaten im Osten das zum Schicksal, was sie bisher selbstherrlich und gnadenlos ihren Gegnern zugedacht hatten – sie kamen in Gefangenschaft. Der Schock muß so furchtbar gewesen sein, daß der Befehl der sowjetischen Lagerkommandanten, eigene und miterlebte Greueltaten aufzuschreiben, widerstandslos befolgt wurde.
Diese handschriftlich verfaßten Geständnisse deutscher Kriegsgefangener über ihren Einsatz an der Ostfront, aus denen nun eine Auswahl veröffentlicht wird, vermitteln das Bild eines perversen Alltags der Gewalt, eine Mischung aus Mord und Sadismus, Raub und Menschenquälerei – Verbrechen, denen Juden, Kriegsgefangene, Zivilisten, Frauen, Kinder und Greise unterschiedslos ausgesetzt waren.
Die hier vorliegenden persönlichen Zeugnisse, heute im Staatsarchiv aufbewahrt, wurden von der “Außerordentlichen Kommission” zusammengetragen. Diese Organisation sammelte seit November 1942 in den befreiten Gebieten der Sowjetunion Akten, Zeugenaussagen und Fotos, um die Verbrechen und Zerstörungen der deutschen Besatzer zu belegen. Gestützt auf diese Dokumente, wurden in der Folge zwanzig große Kriegsverbrecherprozesse durchgeführt.

Tote Zonen: Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront, Hamburg 1999

Die Texte kombinieren die objektive und Subjektive Wahrnehmung des Vernichtungskrieges und verschränken die asynchronen Zeitebenen von Ereignis und Erinnerung. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein besonderer Krieg, deutlich unterschieden von den Überfällen im Westen und im Norden Europas. Hitler definierte ihn als “Kampf zweier Weltanschauungen” und verlangte von seinen Generälen, ihn als Vernichtungskrieg zu führen. Das Ergebnis war der millionenfache Mord an Kriegsgefangenen, Juden und anderen Zivilisten. Viele Soldaten der Wehrmacht teilten die rassistische Weltsicht und identifizierten sich mit den Eroberungszielen im Osten. Aber sie waren keine Massenmörder. Dazu wurden sie erst unter den Bedingungen des Vernichtungskrieges. Indem sie den Rotarmisten zur “Bestie” erklärten und den Juden in einen “Partisanen” verwandelten, gelang es ihnen, das Kriegsverbrechen als angemessene Reaktion und den Völkermord als militärische Notwendigkeit zu legitimieren.
Nach dem Scheitern des Blitzkrieges und unter dem Eindruck des permanenten Rückzugs wurde das eigene Tun als “Pflicht” gedeutet und zur Tugend veredelt. Dieses Selbstbild wurde zum Kern der Legende der “sauberen Wehrmacht”, die nach 1945 die öffentliche Diskussion bestimmte und in den Zeiten des Kalten Krieges zum offiziellen Geschichtsbild wurde. In ihrem Schutz konnten die ehemaligen Soldaten ihre virulenten Alpträume und die aufkommenden Schuldgefühle unterdrücken oder vergessen. Die Ausstellung “Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944″ hat mit der Zerstörung der Legende auch diesen Selbstschutz zum Einsturz gebracht.
Hannes Heer analysiert in seinen Aufsätzen den Judenmord und den Partisanenkrieg im Osten und reagiert auf die Frage, wie es möglich war, daß Soldaten der Wehrmacht zu Massenmördern wurden und wie sie ihr Tun legitimierten. Schließlich setzt er sich mit der Erinnerung der Kriegsgeneration auseinander, als Mikroanalyse ihres Narrativs oder als Deutung ihres Erinnern im Kontext des durch die Ausstellung ausgelösten öffentlichen Diskurses.

Hannes Heer, Christian Streit

Vernichtungskrieg im Osten. Judenmord, Kriegsgefangene und Hungerpolitik, Hamburg 2020

Mit einem Vorwort von Frank Heidenreich

Die deutsche Erinnerungskultur verläuft immer noch asymmetrisch: Sie konzentriert sich ganz auf den Holocaust und blendet dabei die Opfer des zweiten deutschen Völkermordes – den an den »slawischen Untermenschen«, wie Adolf Hitler sie nannte, fast vollständig aus. Diesem Genozid fielen ca. 30 Millionen Menschen in der Sowjetunion, sechs Millionen Polen, zwei Millionen Jugoslawen und 350.000 Tschechoslowaken zum Opfer. Davon waren ca. 5 Millionen Juden. Rechnet man die in allen diesen Ländern ermordeten 500.000 Sinti und Roma hinzu, kommt man auf ca. 40 Millionen schuldlos Getöteter.

Während der Großteil der Juden von einer halben Million Angehöriger von SS, Polizei und lokaler Kollaboration ermordet wurde, war für den Tod der übrigen Opfer die Wehrmacht mit ihren 19 Millionen Soldaten verantwortlich. 10 Millionen davon versahen ihren Dienst in der Sowjetunion. Die Opfer dieses Einsatzes: Mehr als 11 Millionen tote Rotarmisten, darunter 3,3 Millionen Kriegsgefangene und mindestens 17 Millionen Zivilisten. Davon wurden 2 bis 3 Millionen ermordet, weil sie Juden waren, die übrigen starben bei Vergeltungsaktionen oder im Rahmen des Partisanenkrieges, durch Zwangsarbeit in der Heimat oder in Deutschland und vor allem durch die erbarmungslose Hungerpolitik der Besatzer, wie die Beispiele Minsk, Charkow und besonders Leningrad mit mindestens einer Million Toten zeigen.

Rezeption in Frankreich

Entrainement pour la Shoah: Lemberg juin-juillet 1941, en: 1941. L’année décisive. Revue d’histoire de la Shoah, Nr. 179, Septembre-Décembre 2003, p. 74-99

De l’extrême normalité: le baron Gustav von Mauchenheim, dit Bechtolsheim, général de la 707. division. Itinéraire, environnement social et motifs d’un acteur de la « Solution finale », en: La Wehrmacht dans la Shoah, Revue d’histoire de la Shoah, Nr. 187, Juillet-Décembre 2007, p. 143-176

Aufsätze von Hannes Heer

Einübung in den Holocaust. Lemberg Juni/Juli 1941, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 5, 2001, S. 409-427

Völkerverschiebungen im Kontext des Zweiten Weltkrieges und die Rolle der Deutschen Kriegsführung, in: Harald C. Traue, Sabine Presuhn (Hg.), Menschen Strom Donau – Leben und Leiden an einen Europäischen Fluß, Lengerich 2001, S. 65-82

How Amorality became Normality. The Wehrmacht and the Holocaust, in: Lessons and Legacies V, The Holocaust and Justice, Ronald Smelser (ed.), Evanston, Ill. 2002, p.123-139

Gustav Freiherr von Mauchenheim, genannt Bechtolsheim – ein Wehrmachtsgeneral als Organisator des Holocaust, in: Gerhard Paul, Klaus Mallmann (Hg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, Darmstadt 2004, S. 33-46

De l’extrême normalité: le baron Gustav von Mauchenheim, dit Bechtolsheim, général de la 707. division. Itinéraire, environnement social et motifs d’un acteur de la « Solution finale », en: La Wehrmacht dans la Shoah, Revue d’histoire de la Shoah, Nr. 187, Juillet-Décembre 2007, p. 143-176

Guernica oder der Beginn des Zweiten Weltkriegs, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 57 (2009), 7/8 und 9, S. 581-612 und S. 677-701

Der Brand. Guernica 26. April 1937, in: Ideengeschichte als Politische Aufklärung. Festschrift für Wolfgang Wippermann zum 65. Geburtstag, hrsg. von Stefan Vogt et al., Berlin 2010, S. 243- 298

“Und dann kamen wir nach Russland…” Junge Soldaten im Krieg gegen die Sowjetunion, in: Ulrich Herrmann, Rolf-Dieter Müller (Hg.), Junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Kriegserfahrungen als Lebenserfahrungen, Weinheim, München 2010, S. 137-165.

The Displacement of Ethnic Groups within the Context of Worldwar II and the Role of German Warfare, in: Harald C. Traue, Reinhard Johler, Jelena Jancovic Gavrilovic (Hg.), Migration, Integration and Health, Lengerich 2010, S. 48-59.

Der Krieg heiligt die Mittel. Die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, in: Heinrich Fink, Cornelia Kerth (Hg.), Einspruch! Antifaschistische Positionen zur Geschichtspolitik, Köln 2011, S. 50-72.

Widerstandsbekämpfung, Bedrohungsphantasien und Rassenideologie. Zur Dynamik der Vernichtungsaktionen gegen „Juden, Kommunisten und unzuverlässige Elemente“ in der Region Minsk im Herbst 1941, in: Oliver von Wrochem (Hg.), Repressalien und Terror. „Vergeltungsaktionen“ im deutsch besetzten Europa 1939-1945, Paderborn 2017, S. 103-125.